Eine angeborene oder in der Kindheit auftretende manifeste Schielstellung kann auch das erste Symptom einer einseitigen Sehminderung durch eine organische Augenveränderung wie zum Beispiel grauer Star, Narben an der Netzhaut oder in sehr seltenen Fällen auch Tumore des Augenhintergrundes sein. Jede konstante und früh auftretende Schielstellung muss daher gründlich abgeklärt werden. Durch die Frühbehandlung der begleitenden Amblyopie (Sehschwäche) lassen sich gute funktionelle Ergebnisse erzielen. Jede manifeste Schielstellung bei Kindern muss bezüglich organischer Ursachen abgeklärt werden. Bei manchen Schielformen im Kindesalter kommen noch andere funktionelle Probleme wie zum Beispiel Kopfzwangshaltungen dazu, die häufig nicht auf die zugrunde liegende Schielform zurückgeführt und damit inadäquat behandelt werden (z.B. orthopädische Maßnahmen). Die funktionellen Folgen des frühkindlichen Schielens können nur bei frühem Therapiebeginn erfolgreich behandelt werden. Dies gilt insbesondere für die Amblyopie, bei der eine Frühbehandlung in der Regel zur Vollheilung führt. Voraussetzung dafür ist die Früherkennung, bei der der Kinderarzt eine wichtige Rolle spielt.
Durch die Erfassung von Risikokindern und gezielte Untersuchungen im Rahmen des Mutterkindpasses kann ein wichtiger Beitrag zur Früherkennung des Schielens und seiner funktionellen Folgen geleistet werden.
Neben dem manifesten Schielen haben auch manche latente Schielstellungen Krankheitswert. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung haben eine latente Schielstellung (Heterophobie), von denen aber nur zirka 10-15 Prozent Beschwerden zum Beispiel im Sinne von belastungsabhängigen Kopfschmerzen haben. Nur bei diesen Beschwerden ist eine Behandlung mit beispielsweise Prismenbrille nützlich und sinnvoll. Gerade bei Kindern ist daher vor der Therapie eine gründliche Diagnostik zum Nachweis, dass ein vorliegendes Schielen tatsächlich für die Beschwerden verantwortlich ist, wichtig.
Babys können schon kurz nach der Geburt sehen, allerdings undeutlich. In den ersten Lebenswochen kann ein Kind die Bewegung der Augen noch nicht richtig koordinieren, Schielen ist bis zum 6. Monat häufig, Babys sind üblicherweise kurzsichtig. Wenn aber ein Auge ständig von der Richtung des anderen abweicht, muss eine Untersuchung veranlasst werden.
Frühe Anzeichen können sein:
Eine einseitige Sehschwäche ohne Schielen kann man bei kleinen Kindern sehr schwer erkennen. Im Rahmen der Mutterkindpassuntersuchungen können Sehfehler festgestellt werden. Es ist also anzuraten, die empfohlenen Mutterkindpasstermine wahrzunehmen!
Zur Raumwahrnehmung müssen beide Augen in die selbe Richtung sehen können. In jedem Auge entsteht dabei jeweils ein Bild, das sich geringfügig von dem anderen unterscheidet und so einen dreidimensionalen Seheindruck ermöglicht. Beim Schielen wird der Unterschied zwischen den beiden Bildern durch die Fehlstellung zu groß, sodass Doppelbilder entstehen. Es kommen in beiden Augen unterschiedliche Bilder an, sodass das Gehirn sie nicht zu einem räumlichen Bild verschmelzen kann. Das kann dazu führen, dass die Signale eines Auges unterdrückt werden. Daraus kann sich unbehandelt bis zum sechsten Lebensjahr eine hochgradige einseitige Schwachsichtigkeit (Amblyopie) entwickeln, die ab dem achten Lebensjahr nicht mehr behebbar ist. Entsteht der Strabismus erst nach dieser sensiblen Phase beispielsweise durch eine Augenmuskellähmung entwickelt sich keine Amblyopie mehr. Amblyopie nennt man die Sehschwäche eines organisch sonst gesunden Auges. Ohne Behandlung entwickeln nahezu 90% aller Schielkinder eine einseitige Amblyopie, die Kinder können nicht mehr lernen, dreidimensional zu sehen.
Schielen kann viele Ursachen haben, eine familiäre Häufung spielt sicherlich eine Rolle.
Weitsichtige Kinder neigen eher zum Einwärtsschielen, das man ab dem zweiten Lebensjahr bemerken kann. Weichen die Sehstärken links und rechts stark ab (Anisometropie) kann sich ebenfalls ein Schielwinkel entwickeln. Bei der Fusionsschwäche kann das Gehirn die Bilder des linken und rechten Auges nicht koordinieren, ein Auge gerät in Schielposition.
Wenn ein Auge schlechter sieht als das andere, kann ebenfalls ein Schielen entstehen, hier wären mögliche Ursachen beispielsweise Hornhautnarben oder Linsentrübungen. Auch im Rahmen einer anderen Grunderkrankung kann es zu Schielen kommen.
Zunächst ermittelt wird die Ursache des Schielens festgestellt. Einwärtsschielen wird häufig durch nichtkorrigierte Fehlsichtigkeit verursacht, die entsprechend durch Brillen korrigiert werden muss. Bei einseitiger Sehschwäche (z.B. bei Linsentrübung) muss entsprechend die Grunderkrankung behandelt werden. Zur Verhinderung oder auch Beseitigung der Amblyopie dient die Abdeckungsbehandlung, bei der das nichtschielende bzw. schielende Auge nach Anweisung des Augenarztes in einem bestimmten Wechselrhythmus abgedeckt wird. Der Seitenwechsel verhindert eine Sehschwäche des nichtschielenden Auges. Das Gehirn wird gezwungen, das schwache Auge zu nutzen und zu trainieren. Diese Okklusionsbehandlung kann Jahre dauern, bis sich die Sehschärfe des schwächeren Auges ausreichend verbessert hat. Tritt das Begleitschielen erst nach dem sechsten Lebensjahr auf, entfällt die Okklusionsbehandlung.
Auch Augentropfen können verordnet werden, die nach festgelegtem Zeitplan gegeben werden. Dadurch wird die Pupille des besseren Auges erweitert, damit das Kind überwiegend das schielende Auge benutzt und dieses so "trainiert".
Wenn die Therapie mit Brille, Abdecken oder Augentropfen zu keiner Besserung der Sehschärfe führt, kann eine vom Augenarzt verordnete Schulungsbehandlung weiterhelfen.
Unter Umständen lässt sich der Schielwinkel auch mit einer Prismenbrille ausgleichen.
Auch eine Operation des Schielens kann notwendig werden und ist manchmal auch Voraussetzung für alle weiteren Maßnahmen. In der Regel wird die Operation erst dann durchgeführt, wenn das Kind die Brille verlässlich trägt, mit beiden Augen annähernd gleich gut sieht und sich ausreichend untersuchen lässt. Die Operation beseitigt keine Sehschwäche und macht daher eine Brille nicht überflüssig. Schieloperationen sind sehr risikoarm und haben gute Erfolgsaussichten. Schielen im Kindesalter kann gefährlich sein - lassen Sie Ihr Kind bei Verdacht augenärztlich untersuchen, spätestens zur Mutterkindpassuntersuchung im zweiten Lebensjahr.
(c) Dr. Peter Voitl, www.Kinderarzt.at