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Nussbaumer und Exenberger kritisieren vor allem den menschenverachtenden Kreislauf von Hunger, Tod und der darauf folgenden Stille. Wie ein "Perpetuum mobile" wiederhole sich die Abfolge von Hungersnöten und Unterernährung, die unweigerlich zum Tod führten. Mit dem Tod trete auch die Stille ein. "Diese Stille kann sich auf vielfältigste Weise zeigen, in der ‚Totenstille’, aber auch in jener Stille, in der über die Ursachen dieses speziellen (Hunger)-Todes nicht geredet, nachgeforscht, das Handeln nicht (ver-)ändert wird", betonen die Autoren. Wäre der Hunger kein stiller Tod, gäbe es viel weniger Hunger und viel weniger Tod, fassen sie zusammen.
Die Wirtschaftshistoriker von der Universität Innsbruck sehen in der Gleichgültigkeit und der Mentalität des Wegschauens das Grundübel für den grausamen Hunger-Tod-Stille-Kreislauf. Um den Hunger wirksam zu bekämpfen, müsste ein "Paradoxon" eintreten. "Es müsste nämlich laut und immer wieder gegen die Stille des Verhungerns angeredet werden, so lange, bis das Gewissen bei Entscheidungsträgern, zu denen in ihrer Gesamtheit auch die Konsumentinnen und Konsumenten zählen, zu wirken beginnt", fordern Nussbaumer und Exenberger.
Der "Stille Tod" zeige sich in vielen Facetten. Das "Ereignis des Verhungerns" erfolge an sich schon in der Einsamkeit. Jene, die es bezeugen und dokumentieren könnten, stürben meist ebenfalls. Bei den großen Hungerkatastrophen unter den Diktatoren Stalin, Hitler oder Mao war es von offizieller Seite untersagt, überhaupt über die Katastrophe zu sprechen. Eine Berichterstattung gab es nicht und so manche große Hungersnot wurde erst nach Jahrzehnten aufgedeckt. Die beklemmendste Form der Stille zeige sich jedoch im Hungerkannibalismus. "Einen Mitmenschen aus purem Hunger aufzufressen, was fast immer still und leise geschieht, ist wohl der schlimmste Ausdruck des Hungers", so Nussbaumer und Exenberger.
Eine weitere Facette sei die "Stille des unwissenden Konsumenten". Sie resultiere aus dem bedenkenlosen Umgang mit Lebensmitteln. Denn statistisch betrachtet sei Hunger kein Problem der Produktion von Nahrungsmitteln, sondern ihrer Verteilung. So seien beispielsweise Mitte der 90er-Jahre rund 37 Prozent der weltweiten Getreideernte in den Futtertrögen von Rindern, Schafen, Schweinen oder Geflügel gelandet. Ein weiteres Beispiel: Von den 20 Millionen Tonnen Mais, die in den USA 2006 mehr als im Vorjahr produziert worden seien, wurden sechs Millionen für zusätzliche Nahrungsmittel verwendet. Die verbleibenden vierzehn Millionen Tonnen flossen in die Produktion von Ethanol, wobei das Getreide, das man bräuchte, um einen 120 Liter-Autotank mit Ethanol zu füllen, ausreichte, um einen Menschen ein Jahr lang zu ernähren.
J. Nussbaumer, A. Exenberger:
Hunger und der Stille Tod. Sieben "Brosamen" zu einem vernachlässigten Thema.
Aktuelle Ernährungsmedizin 2008; 33 (1):
S. 26-30