Es ist keine neue Erkenntnis, dass finanzielle Einschränkungen mitverantwortlich sind für einen schlechteren Gesundheitszustand und für eine kürzere Lebenserwartung. Wenn es auch primär so aussieht, als ob daran ebenso wenig etwas zu ändern ist wie an den unterschiedlichen Arbeits- und Wohnbedingungen, so gibt es doch sowohl politisch als auch sozial eine Reihe von Möglichkeiten, die Situation der Einkommensschwachen zu verbessern. Schwieriger wird die Verbesserung der Bildung und vor allem gesundheitsrelevanten Wissens und Verhaltens in der sozialen Unterschicht – beides sind Voraussetzung für einen gesunden Lebensstil. Auch im psychosozialen Bereich sind Verbesserungen denkbar. Sozial besser Gestellte sind weniger Stress ausgesetzt und verfügen über bessere soziale Netzwerke. Auch Schwangerschaft und Geburt sowie die Fürsorge um das Baby sind kritische Perioden für die spätere Entstehung von psychischen und somatischen Krankheiten. Die gesundheitlichen Startchancen der betroffenen Kinder werden vom Verhalten der Mütter bereits vor der Geburt und in den ersten Jahren danach beeinflusst. Die hier anzutreffenden Verhaltensweisen der Mütter sind schichtspezifisch sehr verschieden. Armut begünstigt die Entwicklung einer Depression im Anschluss an die Entbindung. Wie die Zeitschrift "PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) aufgrund einer amerikanischen Untersuchung berichtet, litt bei einem Monatseinkommen unter 600 Euro mehr als jede vierte Frau unter einer solchen postnatalen Depression, während bei einem Monatseinkommen über 4.000 Euro nur jede 15. Frau betroffen war. Frauen mit niedrigem Einkommen, geringer beruflicher Anerkennung oder schlechter Bildung fehlen wichtige Bewältigungsmechanismen, nämlich Geld, Prestige und Durchsetzungsfähigkeit.
S. Schneider:
Soziale Schichtunterschiede in Morbidität und Mortalität: Was sind die Ursachen?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (6); S. 256-260
R. Meyer:Armut begünstigt postpartale Depression.PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 2008; 58 (2); S. 42