Wie wichtig das Gespräch mit dem Patienten ist, können Angehörige der Heilberufe manchmal vermutlich erst dann ermessen, wenn der sprachliche Kontakt einmal nicht möglich ist. Wie soll man sich ein Bild von den Beschwerden des Patienten machen, wenn dieser sich nicht mitteilen kann? Wie kann man Therapieerfolge beurteilen, wenn keine Rückmeldung stattfindet? Wie kann sich wortlos ein vertrauensvolles Verhältnis entwickeln? Für den Therapeut ist es eine ungewohnte und unangenehme Situation, wenn Lehrbuchwissen und praktische Erfahrung allein nicht weiterhelfen.
Ein einfacher Armbruch kann möglicherweise auch mit bruchstückhaftem sprachlichem Kontakt diagnostiziert und therapiert werden. Spätestens dann jedoch, wenn beim Krankheitsgeschehen auch psychische Faktoren eine Rolle spielen, können entscheidende Aspekte nur von einem geübten Dolmetscher richtig vermittelt werden. Medizinethnologen raten daher dazu, in Krankenhäusern feste Dolmetscher anzustellen oder zumindest bei Bedarf einen professionellen Übersetzer hinzuzuziehen. In vielen Kliniken gibt es diese Möglichkeit heute noch nicht. Oft kann nur auf ausländisches Personal zurückgegriffen werden, das bei einem Patientengespräch als Übersetzer einspringt. Am häufigsten aber sind es die Kinder der ausländischen Patienten, die die teilweise schwierigen Sachverhalte vermitteln müssen. Bei organisatorischen Fragen seien erwachsene Kinder oft sogar gute Ansprechpartner, räumt Fabienne Klenger ein. Dennoch seien nahe Angehörige mit der Situation oft überfordert oder reagierten gehemmt. Außerdem bestehe die Gefahr, dass beispielsweise ein dolmetschender Ehemann aus Gewohnheit die Führung des Gesprächs übernehme und die Antworten der Patientin vorwegnehme.
Ebenso können kulturelle Unterschiede im Verständnis von Gesundheit und Krankheit den Aufbau eines guten Therapeut-Patient-Verhältnisses schwierig gestalten. Auch wenn es ungewohnt sein mag: Ärzte und Therapeuten müssen respektieren, dass Migranten womöglich eine andere Vorstellung davon haben, was gut für sie ist und was nicht. In den Herkunftsländern der Patienten ist das Gesundheitssystem oft weniger weit entwickelt wie in Deutschland. Begriffe wie Prävention oder Gesundheitsbewusstsein können für sie daher in doppelter Hinsicht Fremdwörter sein. Gerade in der Physiotherapie neigen diese Patienten oft dazu, sich rein passiv zu verhalten: Sie erwarten, behandelt zu werden, und sind nicht darauf eingestellt, selbst aktiv Übungen durchzuführen. Nicht zuletzt können Kommunikationsschwierigkeiten auch wirtschaftliche Folgen haben. Wenn das Anamnesegespräch keinen befriedigenden Aufschluss über die konkreten Beschwerden und deren Ursache liefert, wird stattdessen auf teure apparativ-diagnostische Verfahren zurückgegriffen. Fabienne Klenger verweist zudem auf Studien, nach denen in solchen Fällen häufiger operative Therapieformen gewählt werden. Das Therapieresultat steht dann oft in keinem Verhältnis zum Untersuchungsaufwand, was bei den Behandlern zu Frust oder gar zur Ablehnung der Patienten führen kann.
Das Wunschziel der Medizinethnologen ist daher der transkulturell kompetente Mediziner oder Therapeut. Dieser sollte Migranten ihren Bedürfnissen angepasst und respektvoll behandeln, sowie sich für deren Chancengleichheit einsetzen. Eigentlich benötigt der Behandler hierfür keine Zusatzkompetenz, wie Fabienne Klenger betont. Vielmehr seien die grundlegenden therapeutischen Fähigkeiten in besonderem Maße gefordert: Die Fähigkeit wahrzunehmen, zu reflektieren und eine therapeutische Beziehung aufzubauen.
F. Klenger: Gesundheitsverständnis von Migranten erfassen.physiopraxis 2008; 6 (6): S. 32-35