Fragt man die Jugendlichen selbst, dann gibt es eigentlich "null" Probleme. Fast 90 Prozent der Azubis im ersten Lehrjahr, die Dr. Dr. Ina Pfefferle von der Universität Marburg befragen ließ, schätzen ihren Gesundheitszustand als gut bis ausgezeichnet ein. Die weiteren Antworten im Fragebogen zeigten jedoch, dass viele Jugendlichen zur Fehleinschätzung neigen: Mehr als die Hälfte klagte über Müdigkeit. Auch Nacken- und Schulterprobleme, Kopf- und Kreuzschmerzen sind im ersten Lehrjahr keineswegs selten. Bei der Ernährung decken sich Wunsch und Wirklichkeit häufig nicht. Die meisten Azubis legen durchaus Wert auf eine gesunde Ernährung, sagt Pfefferle. Aber geregelte Mahlzeiten haben nur zwei von drei Azubis. Die anderen griffen häufiger zu Fast Food. Ausgerechnet in der Gastronomie waren unregelmäßige Mahlzeiten am häufigsten. Da der Übergang zum Berufsleben mit einem Verlust an Freizeit verbunden ist, verzichten viele Jugendliche auf Sport. Bewegungsmangel ist vor allem bei Azubis in kaufmännischen Berufen und der Verwaltung verbreitet, sagt Pfefferle. Sie fordert deshalb mehr Sportunterricht an den Berufsschulen. Die Freizeit verbringen die Jugendlichen oft dort, wo sie Tabak, Alkohol und häufig auch psychoaktive Drogen konsumieren. Mit 55 Prozent ist der Anteil der Raucher höher als in anderen Altersgruppen. Gleichzeitig tat jeder zweite Azubi kund, dass er in nächster Zeit das Rauchen aufgeben wolle. Bei den alkoholischen Getränken liegen Alcopops nach dem Bier bereits an zweiter Stelle. Jeder vierte greift regelmäßig zu diesen Modegetränken, einige auch nach Hochprozentigerem. Nach Einschätzung von Pfefferle sind vier Prozent der Azubis alkoholsuchtgefährdet. Drogen hatte jeder dritte Azubi schon einmal probiert. 20 Prozent der Jungen und zehn Prozent der Mädchen nehmen sie ab und zu oder regelmäßig. Da nicht wenige Jugendliche als Azubis mit dem Rauchen beginnen und der Alkoholkonsum für viele tödliche Verkehrunfälle in diesem Alter verantwortlich ist, wäre die Berufsschule ein geeigneter Ort für Präventionsmaßnahmen, meint Pfefferle. Dazu sollte ein Rauchverbot in der Schule und am Arbeitsplatz gehören. Auch Alkoholkonsum und Ernährung könnten von den Berufsschullehrern im Unterricht aufgegriffen werden.
A. Kaminski et al.:
Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten von Auszubildenden im ersten Lehrjahr – Erste Ergebnisse einer Befragung in Bielefelder Berufskollegs.
Das Gesundheitsweisen 2008; 70 (1): S. 38-46