Ein gewisser Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft im Alter ist normal. Doch wenn die Arme und Beine so dünn werden, dass die Senioren völlig entkräftet sind und sich kaum mehr fortbewegen können, sprechen Mediziner von einer Sarkopenie, was übersetzt so viel wie "Fleischmangel" bedeutet. Ein Umfang des Unterschenkels von 31 cm gilt als Grenze, die nach Auskunft von Dr. Jürgen Martin Bauer von der Universität Erlangen-Nürnberg bei etwa 40 Prozent aller 80-Jährigen unterschritten wird. Die Gründe liegen in einem Hormonmangel (Testosteron), in entzündlichen Vorgängen im Körper und in einer Unterernährung vieler älterer Menschen, denen das Essen wegen Geschmacks- und Geruchsstörungen nicht mehr mundet, denen das Kauen mit den dritten Zähnen schwer fällt und die häufig krankheitsbedingt unter Schluckstörungen leiden. Bei der Sarkopenie nehmen vor allem die Muskeln ab. Wenn zusätzlich das Fettgewebe schwindet, liegt häufig eine echte Fehlernährung (Malnutrition) vor. Häufig gibt es ein auslösendes Ereignis, erläutert Dr. Bauer. Dies kann der Verlust eines Ehepartners sein, eine schwere Lungenentzündung oder ein Schenkelhalsbruch. Ein Gewichtsverlust ist in diesen Situationen normal, doch ältere Menschen mit Malnutrition nehmen, wenn die Krise überwunden ist, nicht wieder zu. Von Krise zu Krise verlieren sie immer weiter an Gewicht. Auch Arzneimittel können ein Auslöser sein, so Bauer, und nicht selten spielen seiner Erfahrung nach schlechte psychosoziale Bedingungen eine Rolle. Dr. Bauer: Studien zeigen, dass jeder fünfte Senior zu wenig isst, um seinen Energiebedarf zu decken. Gar nicht selten fällt der Body-Mass-Index auf das Maß von Magersüchtigen ab. Anfälligkeit für Krankheiten und Sterblichkeit sind dann deutlich erhöht. Wenn eine chronische Erkrankung Ursache des Gewichtsverlusts ist, liegt eine Kachexie (Auszehrung) vor. Sie tritt bei Krebs und schweren Herz- Lungen- oder Nierenerkrankungen im Endstadium auf. Die Kranken verlieren gleichermaßen an Gewicht, Fettgewebe und Muskelmasse. Verantwortlich sind Entzündungsvorgänge im Körper, die vermehrt Energie verbrauchen. Diese kann der Körper infolge Appetitmangel und zunehmender Schwäche immer weniger zu sich nehmen. Eine Besserung ist derzeit nur bei einer erfolgreichen Behandlung der Grunderkrankung möglich. Manchmal kann der Verfall durch antientzündliche Medikamente und Hormone (Anabolika) verzögert werden, sagt Dr. Bauer. Eine Heilung ist jedoch nicht möglich. Menschen mit Malnutrition oder Sarkopenie kann jedoch häufig geholfen werden. Oft benötigen sie nur eine Zahnbehandlung, eine Schlucktherapie oder eine bessere Unterstützung im sozialen Umfeld. Bei Sarkopenie kann auch ein Krafttraining wie im Fitnessstudio sinnvoll sein, allerdings nur unter ärztlicher Betreuung und bei ausreichender Ernährung, warnt Bauer. Erfolgreich altern – häufig eine Frage der Ernährung ist. J. M. Bauer et al.:
Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie im Alter - Von der Pathophysiologie zur Therapie.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (7): S. 305-310