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29.04.2008 09:52 Alter: 68 Tage

Botulinumtoxin: Medikament zur Schönheitschirurgie und Kampfstoff im Bioterrorismus

Von: Medizinnews

Die kosmetische Chirurgie feierte “Botox” als neues Wundermittel gegen Falten und das Altern im Gesicht. Wissenschaftler kennen den Wirkstoff Botulinumtoxin als das stärkste in der Natur vorkommende Gift, und Politiker müssen befürchten, dass es von Terroristen als Biowaffe eingesetzt werden könnte. Eine Expertin erläutert in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008), was es mit dem Toxin auf sich hat.

Der Botulismus ist der Grund, warum aufgewölbte Konserven nicht geöffnet und ihr Inhalt niemals gegessen werden darf, erläutert Margot Mütsch von der Universität Zürich. Die Gefahr ist offenbar bekannt. Der Nahrungsmittel-Botulismus ist selten geworden. In Deutschland treten weniger als zehn Fälle pro Jahr auf. Im Jahr 2005 kam es kurzzeitig zu einem Anstieg. Er war aber nicht auf Lebensmittelvergiftungen zurückzuführen, sondern auf verunreinigtes Heroin. An der Injektionsstelle hatten sich Abszesse gebildet, in denen sich Clostridium botulinum vermehrte. Dieser Erreger produziert das Nervengift, das im Körper vom Kopf absteigend langsam alle Muskeln im Körper lähmt. Die Erkrankung beginnt häufig mit Seh-, Sprach- und Schluckstörungen, sagt Frau Mütsch. Die Patienten werden lethargisch und haben Kommunikationsstörungen. Wird die Vergiftung nicht rechtzeitig erkannt, kann sie durch Verlegung der Atemwege und Lähmung der Atemmuskeln tödlich enden. Eine Behandlung mit einem Gegengift (Antitoxin), das in Pferden hergestellt wird, ist möglich, erläutert die Expertin. Häufig müssten die Patienten jedoch wochen-, wenn nicht monatelang künstlich beatmet werden. Antibiotika werden übrigens nicht eingesetzt, denn beim Zerfall der Bakterien könnten größere Mengen Botulinumtoxin freigesetzt werden. Diese Gefahr besteht laut Mütsch auch beim – seltenen – intestinalen Botulismus. Gefährdet sind in erster Linie Säuglinge, bei denen sich die Clostridien im Darm ansiedeln können. Da die Erkrankung extrem selten ist, kommt eine Impfung nicht in Frage. Ein in den USA entwickelter Impfstoff wird nach Auskunft von Frau Mütsch nur bei Forschern eingesetzt. Weltweit seien etwa tausend Menschen geimpft, schätzt sie, die meisten arbeiten in Labors oder beim Militär. Dort sorgt man sich wegen der Gefahr eines bioterroristischen Anschlags. Die Gefahr ist real, sagt Frau Mütsch. Tatsächlich wurde Botulinumtoxin bereits im 2. Weltkrieg eingesetzt. Die japanische „Einheit 731“ verabreichte es Kriegsgefangenen, das US-Militär plante (nie ausgeführte) Anschläge an japanische Offiziere. Auch in der Sowjetunion wurde – unter Verstoß gegen internationaler Verträge – bis zur Wende mit Botulinumtoxin experimentiert. Die japanische Aum-Sekte versuchte in den 90er-Jahren zweimal – zum Glück mit untauglichen Mitteln – das Gift in Japan zu versprühen. Und der irakische Diktator Saddam Hussein brüstete sich zuletzt, 19.000 Liter des Gifts produziert zu haben, die aber niemals gefunden wurden. Die Menge hätte ausgereicht, die gesamte Menschheit dreimal zu vernichten, sagt Frau Mütsch, die einen bioterroristischen Anschlag durchaus für vorstellbar hält. Theoretisch würde 1 Gramm ausreichen, um – etwa über Milch – 100.000 Erkrankungen auszulösen. Eingeatmet könnte die gleiche Menge Gift sogar 1,5 Millionen Menschen töten. Das sind allerdings hypothetische Szenarien. Bislang hat es keine Anschläge gegeben und die in den kosmetischen Chirurgie eingesetzten Präparate kämen als Ausgangsmaterial auch nicht in Frage: Die Menge ist zu gering. Die zum Glätten von Hautfalten verwendete Dosis entspricht 0,005 Prozent der bei Aufnahme mit der Nahrung tödlichen Dosis.