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M O B B I N G

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt
 
Wohin Mobbing führen kann, konnte man vor zwei Jahren anhand des Falles der bayerischen Polizistin Silvia Braun verfolgen. Sie beging Selbstmord. Wenn Opfer von Mobbing oder deren Hinterbliebene die Täter hinter Gitter oder wenigstens zur Zahlung von Schmerzensgeld zwingen wollen, stoßen sie im deutschen Strafrecht auf erhebliche Probleme. Das Gleiche gilt für sexuelle Delikte am Arbeitsplatz. Werden die Probleme rechtzeitig erkannt und vom Arbeitgeber ernst genommen, bietet immerhin das Arbeitsrecht ein ganzes Bündel an Maßnahmen, mit denen sich Opfer von Mobbing – sexuell motiviert oder nicht – zur Wehr setzen können.
 
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„Mobbing hat viele Gesichter“, weiß Margit Ricarda Rolf, Geschäftsführerin der Hamburger Mobbing-Zentrale. Ob aber nun Gerüchte verbreitet, Gehässigkeiten ausgeteilt, Informationen zurückgehalten werden oder etwa Viren in den Computer eingeschleust, Nägel in Autoreifen gestochen werden, das Türschloss des Büros mit Sekundenkleber zugeklebt wird – das Ziel der Aktionen ist laut der Expertin immer das gleiche: Der Betroffene wird systematisch und zielgerichtet ausgegrenzt. Mobbing ist nie eine einzelne Handlung, sondern ein langer zermürbender Nervenkrieg. Mit den üblichen harmlosen Reibereien im Berufsalltag hat es nichts zu tun. Der Betroffene erhält keine soziale Hilfestellung und kann das Geschehen nicht beeinflussen. „Irgendwann will niemand mehr mit ihm arbeiten“, so Margit Ricarda Rolf.
 
  „To mob“ bedeutet „anpöbeln, bedrängen“. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz bezeichnete mit Mobbing den Angriff einer Gruppe von Tieren auf einen Eindringling. Die Ursachen für menschliches Mobbing sind weniger eindeutig. Das Führungsverhalten der Vorgesetzten, die Organisation der Arbeitsprozesse oder einfach das „Anderssein“ durch persönliche Merkmale wie Hautfarbe oder soziale Herkunft spielen eine Rolle – nimmt man an, denn das Phänomen entzieht sich der Analyse durch repräsentative Untersuchungen. Firmen-Chefs lassen sich ungern Führungsschwäche vorwerfen und behaupten, Mobbing komme in ihrem Unternehmen schlichtweg nicht vor. Für die Mobbing-Opfer stellt die Situation eine tief gehende Krisenerfahrung dar, über die sie nicht sprechen wollen. „Frauen nehmen die Hilfestellung durch professionelle Berater eher an“, berichtet Margit Ricarda Rolf, „Männer kommen meist erst, wenn sie den Kopf unter dem Arm tragen“.
 
   Die Folgen von Mobbing sind gravierend. Für die Betroffenen sind sie ein „Karrierekiller“. Durch die ständigen Anfeindungen haben sie Angst, wieder etwas falsch zu machen. Sie sind unkonzentriert und unmotiviert. Durch die psychische Belastung sind sie häufig krank. Mobbing-Opfer leiden unter Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Depressionen, Identitäts- und Selbstwertkrisen, Erschöpfungs- und Versagenszuständen bis hin zu Selbstmordgedanken. In Bayern erschoss sich eine junge Polizeibeamtin, weil sie nach Angaben ihrer Eltern über Monate von Kollegen und ihrem Vorgesetzten mit sexistischen Äußerungen gequält worden war.
 
  Das Martyrium von Gemobbten endet meist mit einem vorläufigen oder endgültigem Ausschluss aus dem Arbeitsleben. Die Betroffenen kündigen selbst oder ihnen wird vom Arbeitgeber unter einem Vorwand gekündigt. Andere willigen unter Druck in einen Auflösungsvertrag ein, sind wochen- oder monatelang krankgeschrieben oder beantragen Erwerbsunfähigkeits-Rente. Kosten für die Volkswirtschaft insgesamt: 40 bis 100 Milliarden Mark schätzen die Experten.
 

cw


 
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